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Geisterbahnhöfe im geteilten Berlin

Veröffentlicht am 07.11.2014 um 10:44 in Mobilität im Wandel von cheil_admin

Spannend ist sie, die Geschichte dieser Geisterbahnhöfe: Während im Ostteil von außen zugemauert, durften die sie durchquerenden S- und U-Bahnen aus dem Westen dort niemals halten. Orte also, die durch die Trennung der Verkehrsadern nach dem Mauerbau zu einem gespenstischen Dasein verurteilt waren.

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S-Bahnhof Berlin Oranienburger Straße 1990 © Historische Sammlung der DB AG/Weber

So waren die S-Bahnlinien S1 und S2, sowie die U-Bahnlinien U6 und U8, die alle im Westteil starteten und den Ostteil durchquerten, von der Teilung direkt betroffen. In Ostberlin verschwand die Existenz dieser Bahnhöfe mit den Jahren mehr und mehr aus dem Gedächtnis. Anders jedoch in West-Berlin! Dort gab es regelrechte Rituale, etwa entlang der U6 zwischen Kreuzberg und Wedding. Am letzten Westbahnhof, dem U-Bahnhof Kochstraße, wurden die Fahrer ausgetauscht, der Westberliner Fahrer verließ das Führerhäuschen und tauschte den Platz mit seinem Ost-Berliner Kollegen, welcher selbstverständlich von den Behörden genauestens auf Westverwandtschaft  und seine politische Standfestigkeit überprüft worden war. Sobald die U-Bahn wieder startete, zündeten sich viele eine Zigarette an. Nicht selten wurde mit Bier auf die Brüder und Schwestern im Nachbarteil der Stadt angestoßen. Die so stillgelegten Bahnhöfe passierte man im Schritttempo, es durfte generell maximal 30 km/h gefahren werden. Selbstverständlich durfte an keinem Geisterbahnhof gehalten werden. Auf den schummrigen Bahnsteigen sah man zugemauerte Fahrkartenschalter und schemenhafte Grenzpatrouillen, meist zu zweit und mit Hund. Sobald man wieder in den ersten West-Berliner Bahnhof, die Reinickendorfer Straße, einfuhr, verschwanden die Kippen und der Fahrer wieder ausgetauscht.

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S-Bahnhof Berlin Nordbahnhof 1990 © Historische Sammlung der DB AG/Weber

Die S-Bahn hingegen wurde bis 1984 von vielen West-Berlinern regelrecht boykottiert, da sie ja der DDR zugehörte. Viele fuhren überhaupt nicht mit ihr und nutzten stattdessen die BVG-Busse auf der gleichen Strecke. Andere fuhren schwarz und begründeten dieses Verhalten ganz einfach ideologisch. Interessanterweise hatte die S-Bahn zur Aufrechterhaltung des Betriebs zahlreiche Angestellte in West-Berlin. Diese Mitarbeiter wurden selbstverständlich in D-Mark bezahlt, durften aber auch manche ?sozialistische Errungenschaft? in Anspruch nehmen, wie etwa Urlaube in FDGB-Ferienheimen oder auch Kuraufenthalte in der DDR.

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S-Bahnhof Berlin Oranienburger Straße 1990 © Historische Sammlung der DB AG/Weber

Fahrgäste aus dem Ostteil bekamen jedoch von den Geisterbahnhöfen fast nichts mit. Fahrpläne wurden neu gedruckt, Eingänge wurden zugemauert. Oberirdische Bahnhöfe demontierte man, darunter die Haltestellen ?Potsdamer Platz? und ?Unter den Linden?, sodass nicht mehr zu erkennen war, dass sich dort einmal ein Bahnhof befand. Tunnelgänge in den Westen wurden mit eisernen Stachelmatten ausgelegt, welche durch ihre hochaufragenden Metalldornen jeden Fluchtversuch zu verhindern wussten. Soweit wir recherchieren konnten, gab es auf dem Weg über Geisterbahnhöfe bzw. Geistertunnel nur wenige erfolgreiche Fluchtversuche. Dokumentiert ist jedoch der Fall eines Mitarbeiters der BVB, welcher mit Kind und Kegel vom Alexanderplatz durch einen Tunnel in Richtung Heinrich-Heine-Straße flüchtete, eine U-Bahn stoppte und geduckt im Fahrstand sicher bis in den Westteil gelangte. Mehrere erfolgreiche Fluchtversuche gelangen über den Bahnhof Friedrichstraße, der jedoch kein Geisterbahnhof war, wie heute viele fälschlicherweise annehmen.

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Außenansicht S-Bahnhof Berlin Nordbahnhof 1990 © Historische Sammlung der DB AG/Weber

Mit dem Fall der Mauer änderte sich wieder einmal alles für das Berliner Verkehrsnetz. Der erste Geisterbahnhof, welcher bereits am 11. November 1989 wieder seiner ursprünglichen Bestimmung zugeführt wurde, war die Station ?Jannowitzbrücke? (U8), danach folgten bald ?Rosenthaler Platz? sowie ?Bernauer Straße? auf gleicher Strecke. Die erste wiedereröffnete S-Bahn-Station findet sich in der ?Oranienburger Straße? (S1, S2 und S25). Heute, 25 Jahre später, erinnert kaum noch etwas an diese interessante Geschichte. Wer nun neugierig geworden ist, dem empfehlen wir die Ausstellung ?Grenz- und Geisterbahnhöfe im geteilten Berlin? im Zwischengeschoß des ehemaligen Geisterbahnhofs Berlin-Nordbahnhof. Die Ausstellung ist täglich immer zu den Betriebszeiten des Bahnhofes geöffnet, also von ca. 6 Uhr morgens bis Mitternacht.

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S-Bahnhof Unter den Linden nach dem Mauerfall © Historische Sammlung DB AG/Weber

Einige interessante Links:

Liniennetz im Ostteil Berlins
Sowie für Westberlin
DB mobil TV Reportage über Geisterbahnhöfe
Infoseite der Gedenkstätte Berliner Mauer

Wir bedanken uns bei der Historischen Sammlung der Deutschen Bahn AG für die Bereitstellung der historischen Bilder.

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